Design Thinking

Dem Begriff ‚Design Thinking‘ bin ich 2001 bei meinem halbjährigen Studienaufenthalt an der Stanford University (bei Larry Leifer und Dave Kelley) erstmals begegnet. Damals war der Begriff noch wenig verbreitet. Erst als der SAP Gründer Hasso Plattner mit seiner Spende von USD 30 Mio den Aufbau der Stanford d.school ermöglicht hat, ist der Begriff auch international bekannt geworden. Im 2008 hatte ich noch einmal die Gelegenheit, mich im Rahmen eines halbjährigen Aufenthalts am Stanford Center for Design Research und an der d.school vertieft mit der Design Thinking Methodik auseinander zu setzen. Seither habe ich Design Thinking in über 50 Innovations- und Veränderungsprojekten bei namhaften Schweizer Firmen wie UBS, Swisscom, PostFinance, SBB, Mobiliar etc. aber auch bei verschiedenen Startups und nicht zuletzt auch bei Organisationen der öffentlichen Verwaltung angewandt. Eine Definition von Design Thinking ist nicht einfach, wie kürzlich das Hasso Plattner Institut in einer Studie gezeigt hat. Interessant ist, dass die rund 400 befragten Personen recht unterschiedliche Aspekte des Begriffs hervorheben. Die Autoren haben die Studie entsprechend mit ‚Parts without a whole?‘ betitelt. Vielleicht hat gerade die Tatsache, dass es „die reine Lehre“ des Design Thinking nicht gibt, dazu geführt, dass sich Design Thinking mittlerweile in sehr unterschiedlichen Bereichen durchzusetzen beginnt. Die Tatsache, dass die Anwender ihre persönlichen Gewichtungen  und Spezialitäten einbringen, hält das Fachgebiet letztlich am Leben. Im Folgenden versuche ich, in wenigen Worten meine persönliche Sicht auf den Punkt zu bringen.

Design Thinking ist eng verknüpft mit einem Wandel des Innovationsverständnisses. Neuerungen werden zusehends ‘outside-in‘ aus der Sicht der Nutzer oder Kunden entwickelt, statt ‘inside-out‘ aus der Sicht einer Firma oder eines Dienstleisters. Lösungen entstehen – unter Einbezug der verschiedenen Stakeholder – in einem sich zyklisch wiederholenden Prozess, wobei sukzessive Bedürfnisse aufgedeckt, Rahmenbedingungen geklärt, Ideen generiert, Konzepte entwickelt und vorläufige Lösungen wiederum an den Bedürfnissen gemessen werden, solange bis eine für alle Anspruchsgruppen zufriedenstellende Lösung gefunden ist.

Iteration

Der Begriff ’Design’ wird landläufig verstanden als die künstlerische Gestaltung von Gegenständen. Im englischen Sprachraum hat sich jedoch ein Bedeutungswandel vollzogen. Wir verstehen heute unter ’Design’ den umfassenden Prozess des planmässigen Gestaltens von Systemen oder Dienstleistungen. Der Begriff ’Design Thinking’ bedeutet also im übertragenen Sinne erfinderisches Denken oder kreative Problemlösung.

Ganz generell sollten wir Design Thinking als Lernprozess verstehen, in welchem es darum geht, im Zusammenspiel zwischen Nutzern und Entwicklern neues Wissen zu generieren und aus diesem Wissen heraus bessere Lösungen zu entwickeln. Dabei lassen sich die wesentlichen Merkmale wie folgt charakterisieren:

Zyklisches Vorgehen: Pro Phase wird ein Lernzyklus durchlaufen, an dessen Ende eine konkrete Erkenntnis resultiert und auf den Punkt gebracht wird.

Divergieren und Konvergieren: Entscheidend für den kreativen Prozess ist das Durchbrechen von Denkmustern durch Öffnen des Fokus und Denken in die Breite. Ebenso entscheidend für den Erfolg ist aber auch das konvergieren und auf den Punkt bringen, um die Erkenntnisse nach aussen zu kommunizieren.

Lernzyklus

Das Grundprinzip lautet also: Schnell lernen und anpassen unter Einbezug verschiedener Stakeholder. Die Lernzyklen lassen sich nun in einen grösseren Rahmen stellen. Der von uns propagierte Design Thinking Prozess orientiert sich am Vorgehen der Stanford d.school und am ‘Double Diamond‘ Prozess des UK Design Council. Die Prozessschritte lassen sich wie folgt charakterisieren:

Verstehen: In einer ersten Phase geht es darum, konkret zu verstehen was die wesentlichen Anforderungen und Rahmenbedingungen der Projektidee sind. Nur so ist es möglich, Lösungen zu entwickeln welche neben den Benutzerbedürfnissen auch die technische machbar und die betriebliche Lebensfähigkeit berücksichtigen.

Beobachten: Im nächsten Schritt haben sich die Teilnehmenden zu Experten für die Ansprüche der Nutzer zu entwickeln. Dabei erfolgt der wesentliche Teil der Arbeit durch Befragen und vor allem Beobachten von Nutzern. In Form von sogenannten ’Personas’ werden charakteristische Merkmale der Zielgruppe beschrieben.

Fokussieren: Am Ende der Analyse ist Rechenschaft darüber abzulegen, ob die Problemlage verstanden ist und die Ziele klar sind. Oder braucht es vielleicht einen Schritt zurück, um weitere Informationen einzuholen?

Ideen finden: Bei der Formulierung von Ideen wird mittels verschiedener Kreativitätstechniken versucht, bewusst aus den vorherrschenden Denkmustern auszubrechen, um den Lösungsraum möglichst umfassend zu durchdringen. Dabei werden ganz bewusst auch ungewohnte oder auf den ersten Blick gar unmögliche Ideen zugelassen.

Prototyping: In dieser Phase der Lösungsentwicklung steht die Strukturierung und Visualisierung im Vordergrund. Mittels vereinfachten bildlichen Darstellungen des geplanten Produkts sollen Prototypen die Grundlage zur konkreten Diskussion ermöglichen und die Vorstellungskraft zur Generierung von neuen Ideen anregen.

Testen: Möglichst früh und fortlaufend im Prozess werden die erarbeiteten Lösungsideen mit den Anforderungen verglichen. Und entscheidend für den Erfolg ist die laufende Beurteilung der Benutzerfreundlichkeit unter Einbezug von realen Nutzern.

Design Thinking Prozess

Es ist zu beachten, dass pro Prozesschritt ein Lernzyklus oft mehrmals durchlaufen wird. Und es ist auch immer wieder ein Schritt zurück erlaubt bzw. erwünscht (Iteration). Beispielsweise merkt man oft erst beim Entwickeln und Testen von Prototypen, dass man gewisse Anforderungen der Nnutzer noch zu wenig verstanden hat und also den Standpunkt neu definieren muss. Oder man wird beim Testen mit Stakeholdern auf neue Lösungsideen aufmerksam. Weitere Details zum beschriebenen Prozess finden sich im Dokument Design Thinking.